Dienstag, 11. August 2009

Glück

Sie wollte immer schon Managerin werden.

Schon als kleines Mädchen bewunderte sie diese erfolgreichen Frauen, die nie Zeit hatten, immer wichtig waren und immer mit 2 Telefonen gleichzeitig telefonierten - stets eine Schar von Assistentinnen hinter sich nachlaufend. Sie meinte, es gäbe nichts größeres als unabdingbar zu sein und überall das letzte Wort zu haben. Sie wollte von Termin zu Termin hetzen, von einer Videokonferenz zur nächsten switchen und sogar ihre privaten Termine von ihrer Assistentin koordinieren lassen.

Jetzt hatte Sie es endlich geschafft. Sie war Leiterin eines großen Ölkonzernes und lebte ihren Traum. Der Jetlag übermannte sie nur noch bei Stillstand, selbst mitten in der Nacht läutete ihr Telefon, damit sie wichtige Entscheidungen treffen konnte und ihre Assistentin musste ihr vor jedem Treffen die Namen ihrer Freundinnen sagen, da sie ja so viel "wichtigeres" im Kopf hatte und sich ohnehin nur alle heiligenZeiten mit ihnen traf, um auch sie an ihrem Erfolg teilhaben zu lassen.

Auch heute war wieder so ein Tag, an dem sie ihre ehemals beste Freundin wiedertraf. Seit diese ein Kind bekommen hatte, waren ihre Interessen zu unterschiedlich und sie trafen sich eher um der alten Zeiten Willen. Sonja hatte sie dazu überredet, mit dem kleinen Mädchen in den Park zu gehen, um die ersten Sonnenstrahlen des einsetzenden Frühlings zu genießen.

"Wie kannst du nur so leben?", hatte ihre Freundin sie gefragt. Sie dachte lange darüber nach, doch wollte ihr nicht so recht eine Antwort einfallen, als plötzlich die kleine Julia angerannt kam und rief: "Mami, Mami, ich habe eine neue Freundin gefunden!" und ein glückliches Lachen über ihr ganzes Gesicht strahlte. Genau so hatte sie sich gefühlt, als sie mit sechs Sonja kennengelernt hatte.

Plötzlich erinnerte sie sich, wie sich Glück anfühlte und bemerkte, wie lange sie dies schon nicht mehr gefühlt hatte.

Ob sie noch eine Chance hatte, ihrem jetzigen Leben zu entfliehen und ihr Glück zu finden?

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